Der tanzende Kirschengel

Vor etwa 200 Jahren wurde ein Mädchen im schönsten Spanien geboren. Ihre Haare hatten das hellste blond, ihre Augen das hellste blau und ihre Haut war weiß wie die Blüten der Kirschbäume, die vor dieser spanischen Stadt wuchsen. Ihre Eltern jedoch hatten schwarze Haare, braune Augen und auch braungebrannte Haut. Dieses Mädchen wurde zu Hause nie lieblich behandelt. Die Eltern schämten sich für ihr anders aussehendes Kind. Auch die Kinder der Stadt waren nie freundlich zu ihr. In ihrer Jugend später waren allerdings besonders die Buben an ihr interessiert. Sie nahmen sie, wann immer ihnen danach war. Die Mädchen spielten ihr Streiche und beschimpften sie und all die Eltern sahen nur zu. Dieses Mädchen ließ alles still und ruhig über sich ergehen, das Einzige was sie glücklich machte, war die Musik. Jeden Sommer hörte sie einer kleinen Musikgruppe mit Flamencogitarren auf dem Markt von ihrem Fester aus zu. Sie traute sich nie hinunter, vor Furcht der anderen. Sie tanzte, seitdem sie laufen konnte, doch als sie größer wurde, reichte der Platz nicht mehr aus in ihrem kleinen Zimmer.


So ging sie jedes Mal, als ihre Eltern auf den Markt waren zu den Feldern hinter der Stadtmauer, und tanzte dort über die mit Kirschblüten bedeckte Wiese. Hinter der großen Mauer waren die Melodien der Flamencogitarren nur leise zu hören, doch sie tanzte, als spielte die Musik direkt neben ihr. Das Mädchen tanzte um die Baumstämme und ließ die Blüten auf ihr Haar herunterschneien. Sie umarmte die Bäume, sprach mit ihnen. War bei ihnen fröhlich und traurig, lachend und weinend. Dort zwischen den vielen Kirschbäumen war sie kaum zu erkennen, denn alles war so weiß wie sie selbst. Von nun an tanzte sie Sommer für Sommer zwischen der weißen duftenden Blütenpracht. 

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Auch der Kirschbauer bemerkte das tanzende Mädchen. Ihn kümmerte es nicht weiter, denn dort war sie sicher vor den Blicken und Hänseleien der anderen. Jedes Mal wenn sie zum Tanzen kam, beobachtete er sie. Jahr für Jahr trat er ein Stück näher, denn sie wurde von Jahr zu Jahr in seinen Augen eleganter und anmutiger. Er bewunderte sie. Noch nie hatte er eine Frau so leidenschaftlich und graziös tanzen sehen. Wie ein Engel schwebte sie über den Boden. Sie bemerkte dies, doch ließ sich von ihm nicht stören. Er war der Einzige, der sie noch nie berührte. Er stand einfach immer nur da und sah ihr zu. Nach ein paar Jahren kamen sich die beiden näher und liebten sich einen gesamten Sommer lang. Sie waren glücklich und tanzten von nun an zusammen.

Immer wieder kamen ein paar Männer, die sie aus der Jugend kannte zu ihr nach Hause und der dünne, nicht gerade starke Kirschbauer war zu schwach um sie zu beschützen. Er konnte sie nur in den Armen halten, ihr Trost spenden und ihr die Liebe, die sie so sehr brauchte, schenken. Seine Nähe zu spüren war das Einzige, was sie wirklich mit vollem Herzen zuließ. Heute lebt sie nur noch mit dem Gedanken an ihren Geliebten. Jeden Tag, jede Nacht freute sie sich auf ihn und er sich auf sie. Sie liebten sich innig. Er war stolz auf sie, denn für ihn war es das wunderschönste Mädchen weit und breit und ihm war nur wichtig, dass sie bei ihm glücklich ist.

Wie jedes Jahr gab es auch diesen Sommer eine kleine Tanzveranstaltung auf dem Marktplatz, wobei der Prinz Gast war, um sich an dem Anblick der Damen zu erfreuen. Der Kirschbauer wollte, dass auch endlich alle Bürger seine Liebste tanzen sehen. An diesem Tag schenkte er ihr ein kirschrotes Kleid und bat sie, mit auf den Marktplatz zu gehen, um gemeinsam zu tanzen. Weil sie ihn so sehr liebte, willigte sie ein. Zögerlich aber entschlossen führte er sie auf das Podest und sie fingen einfach an zu tanzen. Die Bürger und auch die Flamencomusiker wurden still, jeder staunte auf die beiden. Doch sie tanzten einfach weiter, als würde die Musik in ihrem Inneren spielen. Der Prinz sah noch nie eine solch atemberaubende Frau. Ihr Tanzen erwärmte sein Herz. Er wollte sie besitzen.

Der Prinz nahm sie auch mit. Da sie nicht verheiratet war, konnte der Kirschbauer nichts dagegen unternehmen. Ein ganzes Jahr verging! Der Kirschbauer saß jeden Tag zwischen den Bäumen ohne seinen geliebten weißen Engel. Das Mädchen gehorchte dem Prinzen und tanzte jeden Tag für ihn, doch ohne das kleinste Lächeln auf den Lippen. Das Lächeln trug sie nur in ihren Gedanken an ihren Liebsten und voller Sehnsucht sollte das Tanzen auch nur für ihn gedacht sein.

In diesem Sommer blieben die Kirschbäume kahl. Keine Früchte und Blüten wuchsen zu ihrer Pracht heran. Diese Kirschen waren aber für die Stadt eines der wichtigsten Markteinnahmen des Sommers. Wein, Kuchen, Säfte und auch Farbe für die Kleidung blieben in diesem Jahr aus. Die Bürger waren empört und aufgewühlt und erkannten nun so, dass der Kirschbauer seinen weißen Engel benötigt, damit die Bäume wieder erblühen können. Sie schlossen sich zusammen und stürmten das kleine Schloss des Prinzen und befreiten somit ihren Kirschengel.

Von nun an wurde dieser weiße Kirschengel von all den Bürgern beschützt, von denen sie zuvor nie freundlich behandelt wurde. Die Männer, die sich zuvor an ihr vergangen hatten, trugen sie nun auf Händen. Die Frauen, die sie zuvor beschimpft haben, machten ihr Geschenke und die Älteren, die zuvor immer nur zusahen, halfen ihr.


In diesen Sommer heirateten die beiden in dem riesigen Kirschgarten und die Musiker spielten lauter denn je. Mit ihrem kirschroten eleganten Kleid tanzte der Kirschengel an der Seite ihres Liebsten so zauberhaft, wie nie zuvor. Von nun an tanzten sie jeden Sommer dort mit all den Bürgern an ihrer Seite und später mit ihren Kindern!


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